Am Ende der Fahnenstange

17. Juli 2011

Während die Minister eilen, um viele Rettungsschirme über uns auszubreiten, reist die Kanzlerin nach Afrika, nach Schwarzafrika nämlich, wo Menschen leben, die nicht nur nach dem Sommerurlaub auf den Balearen braun sind. Der Präsident hat ein paar Landsleute aus seinem Gefolge ausgesucht, sie mußten sich in Stammeskleidung hüllen und tanzen nun vor der Veranda, wo die Kanzlerin ein Fruchtsaftgetränk über einen Strohhalm einsaugt.

Wir wollen uns nicht ausmalen, wie ihr helles Kostüm aussieht, wenn ihr der Becher umfällt und die rote Soße sich über den Stoff verteilt. Der Präsident ist entsetzt, er schreit nach der Leibgarde, die die Kanzlerin erschießt.

So können wir nicht mehr erleben, was die Kanzlerin von den Beschlüssen der Minister in Brüssel hält. Stattdessen sendet das Fernsehen eine Woche lang Trauergottesdienste, und die Sommerferien der Kinder werden um einen Monat verschoben.

Leider haben die Minister den Ast, auf dem sie saßen, bei der letzten Konferenz abgesägt und sind allesamt in die Schlucht gestürzt. Wer ersetzt uns nun dieses wertvolle Personal, um das uns die halbe Welt beneidet hat?

Jasmin Cutter

EHEC und die Idylle

5. Juni 2011

Es ist Sonntagmorgen. Unten auf dem Balkon sitzt eine halbe Familie bei Frühstücksei, Tomatensaft und Honigbrötchen. Die Rasen, die sonst unter der Trockenheit und den Planierrasenmähern leiden, und die zurückgeschnittenen Büsche und Bäume haben in der Nacht die ganze Nässe eines zweistündigen Gewitters getankt und stehen nun in leuchtendem Grün. Es riecht nach Benzin von den ersten Sonntagsfahrern, die zu ihren dementen Großmüttern und Vätern unterwegs sind.

Währenddessen landet der Gesundheitsminister im Bundeswehrhubschrauber auf dem Landeplatz des Krankenhauses. Er eilt dem Chefarzt entgegen, der ihn abholt, um ihm die Situation der Patienten mit hämolytisch-urämischem Syndrom auf seiner Station zu zeigen. Der Minister möchte gern, daß seine besorgte Miene heute abend in Großaufnahme in der Tagesschau und den anderen Nachrichtensendungen zu sehen ist. Er ist erst ein paar Tage im Amt, noch niemand kennt ihn draußen auf den Balkons, Terrassen und Eßecken, wo gerade die warmen Semmeln mit Kaffee oder Latte macchiato verspeist werden. Anschließend wird er ein paar beruhigende Worte sagen: “Halten Sie sich weiterhin an die Anweisungen des Robert-Koch-Instituts und essen Sie keinen Salat, keine Tomaten und keine Gurken aus Norddeutschland.”

Die halbe Familie unten auf dem Balkon hat ihren Tomatensaft, übrigens aus Bella Italia und daher ungefährlich, ausgeschlürft und die jungen Frauen rauchen. Warum auch sollten junge Frauen nicht rauchen! Die Kanzlerin hat garantiert, daß die Geldanlagen auf der Bank sicher seien. So können sie sich zurücklehnen und dem blauen Dunst hinterherblicken. Auf dem Balkon nebenan wurde übrigens gerade eben ein vorschriftsmäßig zubereiteter Latte macchiato serviert. Eine Männerstimme sagt: “Scheißrauch!” Auch zu mir gelangt der Gestank, und ich ziehe mich in die Wohnung zurück. Meine Katze mag ihn auch nicht, und so schließe ich die Balkontür und mein linkes Ohr.

Jasmin Cutter

Schamanen in Europa

19. März 2011

Wenn man bei der Heiligen Tante Google den Begriff “Schamane” - also nicht die englischsprachige Variante “shaman” - eingibt, purzeln einem die Einträge entgegen. Weit über eine Million Seiten soll es zu diesem Thema geben, angefangen vom unvermeidlichen Wikipedia-Eintrag:

“Schamanismus und Schamanen haben schon früh das Interesse jener Forscher erregt, die sich mit Ethnologie, Religion und Religionsgeschichte beschäftigten, vor allem da Schamanen in vielen Naturreligionen die Fähigkeit zugeschrieben wird, in Bewusstseinszuständen wie der Ekstase in jenseitige Welten vorzudringen, indem sie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit überschreiten.” Zitatende. Es folgen, wenn man sie ausdruckt, ich mache mir in der Regel ein PDF, 120 Seiten. Für einen Lexikoneintrag ziemlich voluminös.

Wenn man sich da durchgewühlt hat, wundert man sich, ich jedenfalls, aber vielleicht ist es meine angeborene Naivität, daß Europäer daherkommen, die weder illegal eingebürgert noch eingeschleppt worden sind aus Herkunftsländern wie Papua-Neuguinea, Kanada oder Peru, und behaupten, sie seien Schamanen oder gar Schamanen-Lehrer.

“Ich habe im Schamanismus, in der Schamanischen Heilung, in der Geistheilung und in der Tierkommunikation meine Berufung gefunden”, schreibt da jemand. Auf einer anderen Seite heißt es: “Da wir in einer nüchternen, verstandesgeprägten Kultur leben, können wir nicht einfach den Schamanismus in den Traditionen indigener Völker voll übernehmen.”

Da hat jemand den Wunsch, eigentlich auch “in den Traditionen indigener Völker” ein Schamane zu sein. Aber anstatt sich an zumindest e i n e Tradition heranzuarbeiten, wird das gemacht, was Europäer (in Europa, aber auch in Amerika, Afrika, Australien usw.) gern machen: sie klauben sich das zusammen, wovon sie meinen, daß es zu ihnen paßt oder ihnen gefällt. Ein Verfahren, das man gemeinhin als “Eklektizismus” bezeichnet: “Als Eklektizismus (…) bezeichnet man Methoden, die sich verschiedener entwickelter und abgeschlossener Systeme (z.B. Stile, Philosophien) bedienen und deren Elemente neu zusammensetzen.” (Wikipedia).

Die indigenen Völker, von den kolonialistischen/globalisierenden Europäern, wenn nicht per “ethnischer Säuberung” vernichtet, so doch ausgeplündert, unterdrückt, zwangsassimiliert - z.B. indem man den Erwachsenen die Kinder wegnahm und wegnimmt und sie in weiße Familien steckt, quasi als privatisierte Umerziehungslager. Wo sie dann weiße Religion, Kultur und andere “Wohltaten” bis zum geistigen oder gar physischen Ableben eingetrichtert bekommen. Diese Völker werden von der Eso-Szene ein weiteres Mal ausgebeutet, indem man ihre Spiritualität/Religion bis zur Unkenntlichkeit verhunzt. Man bemüht sich erst gar nicht mehr um soetwas wie ein Verständnis, das wäre ja viel zu mühselig. Man bricht ein paar Versatzstücke aus ihrem Zusammenhang und verbaut sie in die vertrauten Strukturen, um sie etwas aufzufrischen, nachdem das christliche Erbe alleine doch vielen schon zu eintönig, langweilig, gar muffig geworden ist.

Aber es ist wie eine aus dem Urlaub aus Thailand mitgebrachte Buddhastatue in die gute Stube einer christlich-abendländischen Familie zu stellen. Die Statue alleine kann leider nichts daran ändern, daß es nichts weiter als die gute Stube einer christlich-abendländischen Familie ist.

Vermutlich wissen die selbsternannten weißen “Schamanen” gar nicht, was Geister sind und wie es ist, mit diesen “in Kontakt zu treten”. Wahrscheinlich würden sie sogar die Existenz von Geistern bestreiten, schließlich paßt dergleichen nicht ins Weltbild eines Europäers des 21. Jahrhunderts.

Anm.: Oft liest man auch, Schamanen *behaupteten*, sich in der Geisterwelt bewegen zu können o.dgl. Nun ja, katholische Priester *behaupten* ja auch, sie könnten Gebäck in Fleisch verwandeln…

Jasmin Cutter

Rettet die Erde

10. März 2011

so heißt eine Gruppe bei Facebook. Die Vorstellung dahinter gründet auf derselben Anmaßung wie die, daß sich die Menschen die Erde mit all ihren Lebewesen untertan machen sollen. Die Menschen werden die Erde nicht retten, sofern diese tatsächlich in Gefahr wäre, würde sie sich selbst retten. Es ist nicht das erste Mal, daß das geschieht.

Die Erde hat unter den zahllosen Lebewesen, die auf ihr leben, zahllose Verbündete, von denen sie erfährt, was die Menschen treiben. Sie ist informiert, sie weiß, wohin die Menschen - übrigens nur die zivilisierten Menschen - treiben (ohne zu ahnen wohin).

Heute abend waren im Radio wieder die Warner zu hören, die mit den erhobenen Zeigefingern: Seht, die Deutschen überaltern, und es kommen immer mehr Migranten ins Land und nehmen den Platz der Deutschen ein. Na, das ist ja eine schöne Bescherung: Da werden wir bald eine Provinz der Türkei oder was?

Dabei ist der Trend zu weniger Bevölkerung der einzige Weg. Wird die Zahl der Esser nicht reduziert, gibt es keine Möglichkeit mehr, der Ernährungskatastrophe zu entkommen.

Jasmin Cutter

Internet-DemoKratie

25. Februar 2011

Seit Jahren lese ich in den verschiedenen Online-Zeitungen und -Zeitschriften neben den Artikeln, die mich interessieren, auch die Leserkommentare.

Ich spare mir hier die weibliche Endung "-innen", denn unter den Kommentierenden finden sich allenfalls als Ausnahmen Frauen. Die Kommentarbranche ist also eine Männerdomäne. Bei "heise.de" war es jahrelang üblich, daß zu einem Artikel der erste Leserkommentar mit der Überschrift "Erster!" glänzte. Wir sind also im Straßenverkehr angekommen, denn da geht es auch vielen (Männern) darum, als Erste an der nächsten roten Ampel zu stehen.

Oder auf dem Bolzplatz. Gegenseitig sich als "Trolle" zu beschimpfen, gehört noch zu den harmloseren Ritualen der postenden männlichen Jugend. Wiewohl provoziert wird, daß es nur so kracht. Der Schulhof läßt grüßen, virtuelle Faustschläge gehören zum Alltag.

Immerhin können sich die Foren aus den alten Internet-Medien, wohin "heise.de" zweifellos gehört, noch rühmen, daß bei ihnen diskutiert wird, d.h. Beiträge beziehen sich oft auf andere Beiträge. Diese "Kunst" zu reagieren, ist der männlichen Leserschaft vieler neuer Online-Zeitungen längst abhanden gekommen. Auf "welt-online.de" werden, egal zu welchem Thema, immer dieselben Statements von meist konservativ-reaktionären Männern abgegeben, die für sich allerdings in Anspruch nehmen, die "deutsche Leitkultur" zu vertreten, ohne die Minimalvoraussetzung dafür, die Beherrschung der deutschen Schriftsprache, zu liefern.

Es gibt Beobachter der Kommentatorenszene, die behaupten, daß deshalb hauptsächlich Männer kommentieren, weil sie ihr Platzhirschverhalten ausüben bzw. Duftmarken setzen wollen. Das mag vielleicht sein, aber der Erfolg ist gleich null. Selbst ein Furz hinterläßt einen gewissen Geruch, während ein Statement wie "Die 68er sind Schuld daran, dass.." weniger als ein laues Lüftchen ist und nichts hinterläßt als ein paar merkwürdige Bitmuster auf irgendeiner Festplatte irgendeines Servers.

Wenn auf "heise.de" ein Artikel erscheint, in dem es um Frauen geht, nicht nur um das Thema "Frau und Technik", rauschen die frauenfeindlichen Statements im Minutentakt herein. Offenbar können sich die Internetjungs nicht vorstellen, daß Frauen Lebewesen sind im realen Leben und keineswegs Beate-Uhse-Gummipuppen für eine Nacht. Bei den Herren fortgeschrittenen Alters (ab 30) treffen wir auf Haßtiraden gegen die bösartigen Frauen, die armen Männern Kinder unterschieben, auf daß sie lebenslang zahlen.

Sind die Herr-schaften eigentlich alle lieber schwul? Vielleicht nur zu doof, um schwul zu sein? Denn lieber als Frauen mögen die Männer ihresgleichen, vor allem wenn sie denselben Geschmack für "wertige" Technikgimmicks haben ("Ein echter Handschmeichler"). Also daher weht der Wind: Onanie.

Ich bin gespannt, wie es mit all diesen Männern weitergeht, zum Beispiel wenn sie alt und gebrechlich geworden sind und weder eine Lebenspartnerin noch Kinder sich um sie kümmern. Alte Wracks, die an nichts glauben und nur noch durch Unmengen an Fernsehstunden und Asbach sich über Wasser halten.
 
Anna Bödeker