Über Politiker (1999)

Die bürgerliche Gesellschaft kennt die Gegensatzpaare Öffentlichkeit - Privatsphäre, Politik - Persönliches. Daß das falsch ist, hat die 68er-Bewegung schon richtig erkannt. Allerdings ist nicht das Persönliche politisch, wie sie meinte, sondern das Politische ist persönlich. Die psychopathologischen Vorstellungen und Antriebskräfte, die dem Persönlichen zugerechnet werden, sind es, die Entscheidungen über Krieg und Frieden, Kauf oder Verkauf, Tod oder Leben beeinflussen, und nicht oder kaum Vernunftgründe. Die Rationalität ist schon lange Handlangerin von Machtgier, Allmachtswahn, Haß und Geilheit.

Die eigentlichen Kriegsentscheidungen werden indes in den Chefetagen der Konzerne getroffen. Die Herren operieren global, gehen Bündnisse mit anderen Konzernen ein oder fusionieren sogar. Während jedoch Unternehmerfiguren wie Bill Gates eher einer aussterbenden Spezies angehören, haben längst agile, jederzeit austauschbare Jungmanager die Macht übernommen, ohne Verantwortungs- und historisches Bewußtsein, nur darauf bedacht, daß die Zahlen und Renditen stimmen. Die Titanic-Crew ignoriert die Umgebung, das Wetter und den Kurs, nur der an der Börse interessiert.

Trotzdem wollen wir auf den Seiten der Prophecy Factory weiterhin den Politikern Beachtung schenken, den Entertainern der Globalisierung, die unsoziale Entscheidungen als Fortschritt und Modernität vermarkten müssen. Solange genügend Geld da ist für Sozial- und Arbeitslosenhilfe, für Kleinrentner, Kleinsparer und Kleinstverdiener, und kostenlose Fernsehprogramme täglichen Spaß in die Stuben bringen, werden sie ihren Job unbehelligt weitermachen. Wir möchten uns nicht ausmalen, was geschieht, wenn das nicht mehr so ist.
(1999)