Globalisierung (1999)

Die Erde hat eigentlich wenig Interesse daran. Lebewesen auf ihr sind nicht wie Flöhe oder Läuse, die sich im Fell oder in menschlicher Kleidung tummeln und Juckreiz auslösende Angriffe auf die Haut ihrer Wirte starten. Aber Irritationen sind möglich, auch wenn sie jenseits einer Wahrnehmung liegen, für die sehr langgestreckte Zeitrhythmen gelten. Und Sehen, im Sinne einer Erfassung und Verarbeitung optischer Signale, ist nicht ihre Spezialität. Trotzdem erfaßt sie, was auf ihr vorgeht. Immerhin ist sie so, daß sie auf ihrer erdigen Haut seit vielen Millionen Jahren Myriaden von Lebewesen Heimat zu einer Existenzform geboten hat, die über eine feste molekulare Struktur verfügt, welche in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren und Kopien von sich selbst zu erstellen. Der Mutterstern — gemeinhin Sonne genannt — und die Hitze im eigenen Innern ermöglichten die Bildung molekularer Verbindungen zu großen Komplexen und letztlich zu Körpern: weißen, schwarzen, grünen, roten, zu Kristallen, Steinen, Felsen, Einzellern, Kopffüßern, Korallen, Gräsern, Büschen, Insekten, Wirbeltieren.

Die Erde wird von den Wissenschaften als tote Materie betrachtet. Die Wissenschaften sind jedoch nicht an sich seiende Wesenheiten, sondern Produkte menschlichen Denkens, genauer: von Menschen, die sie erstellen bzw. für sich akzeptieren. Nicht von allen Menschen. Schon gar nicht von den anderen Lebewesen, die, wie dieselben Wissenschaften nicht müde werden zu behaupten, gar nicht denken — und mithin keine Wissenschaften haben können.

Das Denken derjenigen Menschen, für die die Wissenschaft, als solche, religiöse Bedeutung hat und die ihr folglich die Fähigkeit zusprechen, alle persönlichen und allgemeinen Probleme zu lösen, hat ihre Grundlage in einer psychischen Verfassung, in der das eigene Selbst entweder nicht eingebettet ist in die lebendigen Zusammenhänge (andere Menschen, tierische, pflanzliche Lebewesen, Steine, Hügel, bis hin zur Erde), sondern diese als desorganisierte Objekte erscheinen. Oder aber es scheint in regressiver Form darin aufgelöst als Negation des zu schmerzhaft erlebten In-die-Welt-Tretens. Als intellektuell hochstehend gelten solche Menschen, die es schaffen, die Desorganisation mit Hilfe von rationalisierbaren Axiomatiken und Systemen zu überwinden, d.h. mit einer kategorialen Strukturierung von Wahrnehmung und Erkenntnis. Die Objekte sind gleichwohl noch immer Objekte, aber sie stehen dank dieser geistigen Anstrengungen nunmehr in einem Zusammenhang, der objektiv genannt wird. Einer solchen sakrosankten Objektivität mit Zweifeln oder gar Kritik zu begegnen, bedeuten für Zweifler und Kritiker, was in früheren Jahrhunderten Gotteslästerung und Häresie waren. Der Verstoß, der begangen wird, unterscheidet sich jedoch nicht, weil es sich um eine und dieselbe Struktur handelt. Auch die Religionen hatten die Funktion, in die desorganisiert erscheinende Objektwelt Ordnung zu bringen — sinnigerweise heißt es auch: “zu stiften”.

In der solchermaßen verfaßten “Welt” erscheint das eigene Selbst im Zentrum, auf das alles andere und alle anderen bezogen werden. Das Selbst ist dabei nicht unbedingt identisch mit dem persönlichen Ich, sondern in der Regel eine übergeordnete Instanz, die letztlich auch in private Wahrnehmungen und Handlungen hineinregiert. Der u.a. daraus resultierende Anthropozentrismus basiert keineswegs auf Denkverboten, sondern das Denken erlaubt nur die anthropozentrische Sichtweise. Dieser ist die Kommunikation mit nicht-menschlichen Lebewesen, zu der Menschen anderer, früherer Kulturen fähig waren, grundsätzlich versperrt. Den “modernen” Menschen geht es dadurch wie Polarforschern, die in ihrer Forschungsstation inmitten von Schneestürmen und Dunkelheit und ohne Funkgerät überwintern müssen. Es herrscht eisiges Schweigen.

Nach einer langen stabilen Entwicklungsphase, in der die “modernen” Menschen gleichwohl die agrikulturellen Ressourcen erschöpft hatten, begannen sie, sich explosionsartig zu vermehren und die Überreste von Jäger-und-Sammler-Kulturen zu vernichten: in Asien, Afrika und Amerika — und damit die Einzigen, die ihnen Übersetzungshilfe hätten liefern können. Innerhalb von 500 Jahren wurden die globalen Ressourcen mit immer neuen technischen Verfahren ausgeplündert und verbraucht. Die Erde erscheint als ein einziges Bergwerk, in der jeder Stein, jedes Staubkorn, jedes Lebewesen und jedes Gen auf Verwertbarkeit geprüft wird. Was da produziert wird, angeblich an menschliche Bedürfnisse angepaßte Gegenständlichkeiten, wird allerdings nicht allen Menschen zugesprochen, sondern, da man sich in einem globalen Krieg gegen die gesamte Objektwelt befindet, auf kriegerische Weise aufgeteilt: die Stärkeren erhalten viel, die Schwächeren wenig oder nichts.

Die Ergebnisse der Ausplünderungen werden von den Menschen als “Reichtum” verstanden, eine der Kategorien, deren Funktion darin besteht, die desorganisierte Objektwelt erfassen und “habhaft” zu machen. Es soll sich dabei sogar um eine Grundkategorie handeln, die fest in die menschlichen Gehirne eingebrannt ist: Philosophen und Soziologen vermuten dahinter eine wesentliche Triebfeder menschlichen Handelns. Gleichwohl ist “Reichtum” real nicht existierend. Reichtum anzuhäufen, erinnert an die vergeblichen Versuche etlicher Menschen, mit teils sportlichen, teils medizinischen Mitteln jung zu bleiben, ohne den Vergreisungsprozeß stoppen zu können. REICHTUM bestünde allenfalls in der Vielfalt und Reichhaltigkeit an Kommunikation, vor allem auch mit nicht-menschlichen Wesen, und der dadurch hergestellten Vermittlung von Energie und letztlich Leben. Dieser Reichtum ist in den Fähigkeiten des Einzelnen und seiner Gemeinschaft eingebunden und keine Gegenständlichkeit, die man für eine entsprechende Kaufsumme erstehen kann.

Da die vermeintlichen Reichtümer, die die Erde zufälligerweise hat, zu Ende gehen — weil die Raubritter alles so schnell verpraßt haben, stünde uns ein Szenario bevor, in der viele um das wenige blutige Kriege führen. So verkünden es die Endzeitwarner. Die menschliche Paranoia greift um sich: die einen wollen in hochtechnologischen Särgen zu fernen Planeten aufbrechen, die anderen zu bäuerlichem Leben zurückkehren auf ausgedörrten, chemisch vergifteten Böden. Die bisherigen Reichen und Superreichen und ihre Haudegen planen die Weltherrschaft — und sperren sich dann womöglich auf ein streng abgeschirmtes Eiland, um ihren Ruhestand bei den letzten Tropfen Mineralöl zu genießen.

Sowohl das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung, die Plünderungszüge als auch diese letzten “strategischen” Absichten sind indes nur Krankheitssymptome, ein paar von vielen weiteren. Nicht die Erdölreserven oder irgendwelche Ressourcen gehen zur Neige, sondern das Unternehmen “moderner Mensch”. Es kommt im Leben des einzelnen Menschen ein wichtiger, unwiderruflicher Punkt, an dem die bittere Wahrheit aufgetischt wird — so auch bei diesem Unternehmen: sterben, ohne biblisches Trara und Paukenschlag. Sterben mit der Gewißheit, daß alles vorher schwachsinnig war: die Kriege, Morde, die Verödung riesiger Landstriche und ganzer Erdteile. Ein wertloses Leben glimmt aus. Wie das des einsamen Polarforschers, dessen Vorräte verbraucht sind und den nun nichts mehr zu wärmen vermag.

27.12.1999