Amselrestaurant

Seit der letzten Kältewelle hat unsere Fischkatze aus dem Balkon ein Amselrestaurant gemacht. Bei -9 Grad Celsius und mehr blieben die Regenwürmer tief in der Erde, die Rasen, von zahllosen Ausrottungsversuchen mit Motorrasenmähern zernarbt und zerfurcht, waren steinhart. Im Februar fingen die ersten Amseln schon kurz nach Beginn der Dämmerung an und landeten oben auf dem Gitter. Hier konnten sie erst einmal die Umgebung kontrollieren: In der Gegend gibt es reichlich Elstern, vor denen Amseln großen Respekt haben. Andere Rabenvögel weniger.

Dann ein paar Flügelschläge auf den Balkonboden: Hier lagen Haferflocken, Körner, getrocknete Früchte und Sultaninen. Meistens haben sie sich nur die Rosinen herausgepickt. Unsere Fischkatze servierte daher später nur noch Sultaninen. Da die Kälte alle Wasserstellen zugefroren hatte, gab es eine große Schale Wasser extra. Morgens mußte das gefrorene Wasser entfernt und die Schale anschließend mit lauwarmem Wasser neu gefüllt werden. Mittags war es wieder gefroren und wurde erneut ausgetauscht.

Die Fischkatze lag den ganzen Tag hinter der geschlossenen Balkontür und unterhielt sich mit ihren gefiederten Gästen: jungen und alten Gelbschnäbeln, den Frauen mit teils braunen Federn. Tag und Nacht wachte sie und telefonierte mit den Vögeln.

Dann wurde es wärmer, es regnete häufig. Zuerst verklumpten die Haferflocken, die mußten möglichst schnell entfernt werden. Aber auch die Rosinen waren völlig durchnäßt und sicher nicht mehr bekömmlich. Die Fischkatze schaffte neue Sultaninen herbei, rieb einen Teil des Balkons mit Küchentüchern trocken, legte die Trauben aus. Zwei Stunden später waren sie wieder naß, denn inzwischen war feuchte Luft herangezogen von Nordwest, und es nieselte den ganzen restlichen Tag.

Am nächsten Morgen wieder die Prozedur: Alte, feuchte Rosinen einsammeln, Boden trocknen, neue Rosinen auslegen. Hinterher lag die Fischkatze hinter der Balkontür und schaute den Amseln zu. Die kamen indes nicht mehr so häufig. Inzwischen konnte man nämlich wieder Regenwürmer aus dem Boden ziehen, und etwas Fleisch in den Schnabel ist eine willkommene Abwechslung nach Wochen Süßkost.

Außerdem begann die Paarungszeit. Manches Amselpaar fand sich auf unserem Balkon. Die Fischkatze betreibt nach wie vor ihr Restaurant, wenn auch nur noch die Stammgäste erscheinen. Aber die wollen ganz offensichtlich nicht auf den süßen Snack verzichten. Die meisten kommen mittags. Die frühen holen sich auch noch einige Schlucke frisches Wasser ab, seit einiger Zeit hat es nicht mehr geregnet und die letzten Pfützen sind längst ausgetrocknet.

Jasmin Cutter

Kommentarfunktion ist deaktiviert