Entwurzelte Götter

Die Tage vergehen, der September erlebt gerade noch einen Hochsommer und trägt ein Kind: die verpuppte Larve des Winters. Der Oktober liegt im Bett, er hat eine leichte Entzündung im rechten Gehörgang. Der November kann ihn nicht ersetzen: seit vorletzter Woche, nach einem Zusammenstoß mit einer Regierungsmaschine aus Paris, liegt er mit gebrochenen Armen und Beinen im Krankenhaus.

Bleibt der Dezember, der allerdings seinen Urlaub bis zum 30.11. auf den Bahamas verbringt. Ein Ersatzdezember ist im Norden von Kanada verschollen, es heißt, Ölsandschürfer hätten ihn hinterrücks erstochen, weil sie fürchteten, er könne ihre Untaten an die Medien verraten. Und einen Ersatzoktober hat die Römisch-katholische Kirche nicht vorgesehen. Selbst der Papst kann keinen aus der Mitra zaubern. Vielleicht legen die Arbeitgeberverbände einmal zusammen und importieren einen Oktober aus Griechenland. Der kocht denen dann jeden Tag Gyros und tanzt ihnen den Sirtaki.

Es heißt übrigens, daß jeden Monat ein Gott auf die Erde hinab- oder heraufsteigt und nach dem Rechten sieht.

Daß das unmöglich ist, weiß jeder gläubige Christ und noch mehr jeder Atheist. Wußten Sie übrigens, daß die meisten nominellen Christen praktizierende Atheisten sind. Sie kennen keine Scheu und haben keine Angst vor ihren eigenen Missetaten. Und vor diesen Dämonen fürchten sie sich: Jobverlust, schwere (= ruinöse) Krankheiten, Zusammenbruch der Wirtschaft incl. Banken- und Börsenkrach. Über Nacht sind sie arm geworden und werden aus ihren Quartieren vertrieben - vom Mob (= das Volk).

Aber die Götter und Geister sind nicht verschwunden, geneigte Leserin, geneigter Leser. Verschwunden sind nur fast alle, die sie einst verehrten und respektierten und so erreichten, daß es Menschen gab.

i.A. Jasmin Cutter (nach Valentina Bonterra)

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