Gesundheit und Zivilisation

Menschen waren ursprünglich, wie andere Lebewesen - Tiere, Pflanzen usw. - auch, Teil eines Netzwerks von Geistwesen. In sog. zivilisierten Gesellschaften werden Menschen i.d.R. aus diesen Zusammenhängen herausgerissen. Sie sollen stattdessen auf ihnen zugewiesene gesellschaftliche “Rollen” reduziert werden, so daß sie möglichst effektiv ausgebeutet (d.h. zur Profitmaximierung mißbraucht) werden können. Philosophen haben diesen Prozeß der gewaltsamen Herauslösung aus dem ursprünglichen Lebensnetz als “Zivilisierung”, als “Erziehung” oder als “Entfremdung” bezeichnet.

Wiewohl man auch das als “selbstverschuldete Unmündigkeit” (Kant) ansehen könnte, wenn Leute den “Weg des geringsten Widerstandes” gehen, statt sich den anscheinenden Mühen des Unkonformismus zu unterziehen. Individuelles Bemühen um eigene Lösungen ist keiner der “Werte” dieser Art von Gesellschaft. Unter “Selbständigkeit” versteht man dagegen hierzulande, je nach Alter, daß Kinder ohne fremde Hilfe essen und sich anziehen können, Erwachsene “ihr eigenes Geld” verdienen, oder Senioren noch keine Pflegestufe haben. Nicht über die Autonomie zu verfügen, auch nur ein paar Tage alleine aushalten zu können, scheint dagegen sogar “gesellschaftlich akzeptiert”.

Nur wenige der existierenden Zivilisationsgesellschaften haben noch Kontakt zum Ursprung. Beispiele finden sich in Süd-, Südost- und Ostasien, wobei allerdings mittlerweile China und Japan auf besonders rigide Art ihre Wurzeln gekappt und sich der westlich-kapitalistischen Gesellschaft angeschlossen haben.

Lediglich in den Nischen und Randbereichen können sich traditionalistische Gemeinschaften halten, die ihren weiterhin lebendigen Austausch mit ihrer natürlichen Umgebung, den Geistern der Ahnen, ihrer pflanzlichen und tierischen Mitgeschöpfe, der Erde und der Sonne pflegen. Sie finden sich in Afrika, Asien, dem Indo-Pazifik, Australien, sowie in beiden Amerikas.

Die Menschen in Europa und auch in Deutschland sind in ein Gesellschafts- und Lebenssystem eingepfercht, in dem der Einzelne teils durch Geburt und Herkunft, teils durch Bildung, eigene Entwicklung und eigenes Geschick einen bestimmten Platz in diesem Getriebe erreicht. Wer seinen Platz erreicht, funktioniert entsprechend. Wer nicht, wer gar herausfällt, sei es durch Herkunft, Krankheit, Behinderung oder sonstige Umstände, lebt meist am Rande der Gesellschaft und wird von den Funktionsrädchen als unnützer “Transferleistungsempfänger” betrachtet.

Eine ganze Branche ist damit beschäftigt, Menschen, die eigentlich als Rädchen im Getriebe funktionieren müßten, aber durch Unfall, Krankheit usw. “herausgefallen” sind, wieder fitzumachen. Diese Branche ist die Gesundheitsindustrie. Zu ihr gehören nicht nur Ärzte und ihre unmittelbaren Helfer wie Krankenschwestern und MTAs, sondern auch Apotheker, Pharmafirmen, die diesen Markt mit ständig neuen und alten chemischen Substanzen versorgen, ein Heer von Pflegern, Chiropraktikern, Masseuren, Ernährungsberatern, Wissenschaftsjournalisten usw. usf. Dazu natürlich Krankenkassen, private Krankenversicherungen, Ärztekammern, Gesundheitsämter und -ministerien, spezielle Zeitschriften, wissenschaftliche Hochschulen, Fakultäten, Institute usw.

In diese Branche verschwindet ein großer Teil des jährlich erwirtschafteten Volksvermögens. Da wir eine Pflichtversicherung haben, zahlt jeder - freiwillig oder nicht - einen Teil seines Einkommens dort hinein wie eine Steuer. Wenn Sie einmal vergleichen, wieviel Geld von Ihrem Gehalt für die Krankenversicherung abgezogen wird, mit dem, was Sie an Leistung dafür sehen, würden Sie, bei eingeschaltetem Verstand, sehr schnell feststellen: ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Die meisten Menschen haben die ursprünglich hier verbreitete Religion, das Christentum, dem sie auf dem Papier in der Regel angehören, längst gegen Wissenschaftsgläubigkeit eingetauscht.

Medizin ist nicht evidenzbasiert, wie oft behauptet wird, sondern geleitet von den Hoffnungen versus Befürchtungen der “Mehrheit” der jeweiligen Gesellschaft. Für die oben genannten “Randgruppen” kann eine solche Mainstream-Medizin nichts tun — und will es auch nicht. Wobei auch “Rentabilitätserwägungen” eine Rolle spielen, und nicht zuletzt wollen auch viele Patienten möglichst schnelle Erfolge mit möglichst wenig Aufwand sehen. Was auch für ihre eigenen Anstrengungen gilt. Etwa scheint es bequemer, sich den Geist mit Psychopharmaka als einer Art legaler Droge als Dauerzustand zu vernebeln, als jahrelang in einer Psychoanalyse um ein Verständnis der eigene Situation zu ringen.

Jasmin Cutter

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