Archiv für Juni 2011

EHEC und die Idylle

Sonntag, 5. Juni 2011

Es ist Sonntagmorgen. Unten auf dem Balkon sitzt eine halbe Familie bei Frühstücksei, Tomatensaft und Honigbrötchen. Die Rasen, die sonst unter der Trockenheit und den Planierrasenmähern leiden, und die zurückgeschnittenen Büsche und Bäume haben in der Nacht die ganze Nässe eines zweistündigen Gewitters getankt und stehen nun in leuchtendem Grün. Es riecht nach Benzin von den ersten Sonntagsfahrern, die zu ihren dementen Großmüttern und Vätern unterwegs sind.

Währenddessen landet der Gesundheitsminister im Bundeswehrhubschrauber auf dem Landeplatz des Krankenhauses. Er eilt dem Chefarzt entgegen, der ihn abholt, um ihm die Situation der Patienten mit hämolytisch-urämischem Syndrom auf seiner Station zu zeigen. Der Minister möchte gern, daß seine besorgte Miene heute abend in Großaufnahme in der Tagesschau und den anderen Nachrichtensendungen zu sehen ist. Er ist erst ein paar Tage im Amt, noch niemand kennt ihn draußen auf den Balkons, Terrassen und Eßecken, wo gerade die warmen Semmeln mit Kaffee oder Latte macchiato verspeist werden. Anschließend wird er ein paar beruhigende Worte sagen: “Halten Sie sich weiterhin an die Anweisungen des Robert-Koch-Instituts und essen Sie keinen Salat, keine Tomaten und keine Gurken aus Norddeutschland.”

Die halbe Familie unten auf dem Balkon hat ihren Tomatensaft, übrigens aus Bella Italia und daher ungefährlich, ausgeschlürft und die jungen Frauen rauchen. Warum auch sollten junge Frauen nicht rauchen! Die Kanzlerin hat garantiert, daß die Geldanlagen auf der Bank sicher seien. So können sie sich zurücklehnen und dem blauen Dunst hinterherblicken. Auf dem Balkon nebenan wurde übrigens gerade eben ein vorschriftsmäßig zubereiteter Latte macchiato serviert. Eine Männerstimme sagt: “Scheißrauch!” Auch zu mir gelangt der Gestank, und ich ziehe mich in die Wohnung zurück. Meine Katze mag ihn auch nicht, und so schließe ich die Balkontür und mein linkes Ohr.

Jasmin Cutter