Archiv für März 2011

Schamanen in Europa

Samstag, 19. März 2011

Wenn man bei der Heiligen Tante Google den Begriff “Schamane” – also nicht die englischsprachige Variante “shaman” – eingibt, purzeln einem die Einträge entgegen. Weit über eine Million Seiten soll es zu diesem Thema geben, angefangen vom unvermeidlichen Wikipedia-Eintrag:

“Schamanismus und Schamanen haben schon früh das Interesse jener Forscher erregt, die sich mit Ethnologie, Religion und Religionsgeschichte beschäftigten, vor allem da Schamanen in vielen Naturreligionen die Fähigkeit zugeschrieben wird, in Bewusstseinszuständen wie der Ekstase in jenseitige Welten vorzudringen, indem sie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit überschreiten.” Zitatende. Es folgen, wenn man sie ausdruckt, ich mache mir in der Regel ein PDF, 120 Seiten. Für einen Lexikoneintrag ziemlich voluminös.

Wenn man sich da durchgewühlt hat, wundert man sich, ich jedenfalls, aber vielleicht ist es meine angeborene Naivität, daß Europäer daherkommen, die weder illegal eingebürgert noch eingeschleppt worden sind aus Herkunftsländern wie Papua-Neuguinea, Kanada oder Peru, und behaupten, sie seien Schamanen oder gar Schamanen-Lehrer.

“Ich habe im Schamanismus, in der Schamanischen Heilung, in der Geistheilung und in der Tierkommunikation meine Berufung gefunden”, schreibt da jemand. Auf einer anderen Seite heißt es: “Da wir in einer nüchternen, verstandesgeprägten Kultur leben, können wir nicht einfach den Schamanismus in den Traditionen indigener Völker voll übernehmen.”

Da hat jemand den Wunsch, eigentlich auch “in den Traditionen indigener Völker” ein Schamane zu sein. Aber anstatt sich an zumindest e i n e Tradition heranzuarbeiten, wird das gemacht, was Europäer (in Europa, aber auch in Amerika, Afrika, Australien usw.) gern machen: sie klauben sich das zusammen, wovon sie meinen, daß es zu ihnen paßt oder ihnen gefällt. Ein Verfahren, das man gemeinhin als “Eklektizismus” bezeichnet: “Als Eklektizismus (…) bezeichnet man Methoden, die sich verschiedener entwickelter und abgeschlossener Systeme (z.B. Stile, Philosophien) bedienen und deren Elemente neu zusammensetzen.” (Wikipedia).

Die indigenen Völker, von den kolonialistischen/globalisierenden Europäern, wenn nicht per “ethnischer Säuberung” vernichtet, so doch ausgeplündert, unterdrückt, zwangsassimiliert – z.B. indem man den Erwachsenen die Kinder wegnahm und wegnimmt und sie in weiße Familien steckt, quasi als privatisierte Umerziehungslager. Wo sie dann weiße Religion, Kultur und andere “Wohltaten” bis zum geistigen oder gar physischen Ableben eingetrichtert bekommen. Diese Völker werden von der Eso-Szene ein weiteres Mal ausgebeutet, indem man ihre Spiritualität/Religion bis zur Unkenntlichkeit verhunzt. Man bemüht sich erst gar nicht mehr um soetwas wie ein Verständnis, das wäre ja viel zu mühselig. Man bricht ein paar Versatzstücke aus ihrem Zusammenhang und verbaut sie in die vertrauten Strukturen, um sie etwas aufzufrischen, nachdem das christliche Erbe alleine doch vielen schon zu eintönig, langweilig, gar muffig geworden ist.

Aber es ist wie eine aus dem Urlaub aus Thailand mitgebrachte Buddhastatue in die gute Stube einer christlich-abendländischen Familie zu stellen. Die Statue alleine kann leider nichts daran ändern, daß es nichts weiter als die gute Stube einer christlich-abendländischen Familie ist.

Vermutlich wissen die selbsternannten weißen “Schamanen” gar nicht, was Geister sind und wie es ist, mit diesen “in Kontakt zu treten”. Wahrscheinlich würden sie sogar die Existenz von Geistern bestreiten, schließlich paßt dergleichen nicht ins Weltbild eines Europäers des 21. Jahrhunderts.

Anm.: Oft liest man auch, Schamanen *behaupteten*, sich in der Geisterwelt bewegen zu können o.dgl. Nun ja, katholische Priester *behaupten* ja auch, sie könnten Gebäck in Fleisch verwandeln…

Jasmin Cutter

Rettet die Erde

Donnerstag, 10. März 2011

so heißt eine Gruppe bei Facebook. Die Vorstellung dahinter gründet auf derselben Anmaßung wie die, daß sich die Menschen die Erde mit all ihren Lebewesen untertan machen sollen. Die Menschen werden die Erde nicht retten, sofern diese tatsächlich in Gefahr wäre, würde sie sich selbst retten. Es ist nicht das erste Mal, daß das geschieht.

Die Erde hat unter den zahllosen Lebewesen, die auf ihr leben, zahllose Verbündete, von denen sie erfährt, was die Menschen treiben. Sie ist informiert, sie weiß, wohin die Menschen – übrigens nur die zivilisierten Menschen – treiben (ohne zu ahnen wohin).

Heute abend waren im Radio wieder die Warner zu hören, die mit den erhobenen Zeigefingern: Seht, die Deutschen überaltern, und es kommen immer mehr Migranten ins Land und nehmen den Platz der Deutschen ein. Na, das ist ja eine schöne Bescherung: Da werden wir bald eine Provinz der Türkei oder was?

Dabei ist der Trend zu weniger Bevölkerung der einzige Weg. Wird die Zahl der Esser nicht reduziert, gibt es keine Möglichkeit mehr, der Ernährungskatastrophe zu entkommen.

Jasmin Cutter