Archiv für Februar 2011

Internet-DemoKratie

Freitag, 25. Februar 2011

Seit Jahren lese ich in den verschiedenen Online-Zeitungen und -Zeitschriften neben den Artikeln, die mich interessieren, auch die Leserkommentare.

Ich spare mir hier die weibliche Endung "-innen", denn unter den Kommentierenden finden sich allenfalls als Ausnahmen Frauen. Die Kommentarbranche ist also eine Männerdomäne. Bei "heise.de" war es jahrelang üblich, daß zu einem Artikel der erste Leserkommentar mit der Überschrift "Erster!" glänzte. Wir sind also im Straßenverkehr angekommen, denn da geht es auch vielen (Männern) darum, als Erste an der nächsten roten Ampel zu stehen.

Oder auf dem Bolzplatz. Gegenseitig sich als "Trolle" zu beschimpfen, gehört noch zu den harmloseren Ritualen der postenden männlichen Jugend. Wiewohl provoziert wird, daß es nur so kracht. Der Schulhof läßt grüßen, virtuelle Faustschläge gehören zum Alltag.

Immerhin können sich die Foren aus den alten Internet-Medien, wohin "heise.de" zweifellos gehört, noch rühmen, daß bei ihnen diskutiert wird, d.h. Beiträge beziehen sich oft auf andere Beiträge. Diese "Kunst" zu reagieren, ist der männlichen Leserschaft vieler neuer Online-Zeitungen längst abhanden gekommen. Auf "welt-online.de" werden, egal zu welchem Thema, immer dieselben Statements von meist konservativ-reaktionären Männern abgegeben, die für sich allerdings in Anspruch nehmen, die "deutsche Leitkultur" zu vertreten, ohne die Minimalvoraussetzung dafür, die Beherrschung der deutschen Schriftsprache, zu liefern.

Es gibt Beobachter der Kommentatorenszene, die behaupten, daß deshalb hauptsächlich Männer kommentieren, weil sie ihr Platzhirschverhalten ausüben bzw. Duftmarken setzen wollen. Das mag vielleicht sein, aber der Erfolg ist gleich null. Selbst ein Furz hinterläßt einen gewissen Geruch, während ein Statement wie "Die 68er sind Schuld daran, dass.." weniger als ein laues Lüftchen ist und nichts hinterläßt als ein paar merkwürdige Bitmuster auf irgendeiner Festplatte irgendeines Servers.

Wenn auf "heise.de" ein Artikel erscheint, in dem es um Frauen geht, nicht nur um das Thema "Frau und Technik", rauschen die frauenfeindlichen Statements im Minutentakt herein. Offenbar können sich die Internetjungs nicht vorstellen, daß Frauen Lebewesen sind im realen Leben und keineswegs Beate-Uhse-Gummipuppen für eine Nacht. Bei den Herren fortgeschrittenen Alters (ab 30) treffen wir auf Haßtiraden gegen die bösartigen Frauen, die armen Männern Kinder unterschieben, auf daß sie lebenslang zahlen.

Sind die Herr-schaften eigentlich alle lieber schwul? Vielleicht nur zu doof, um schwul zu sein? Denn lieber als Frauen mögen die Männer ihresgleichen, vor allem wenn sie denselben Geschmack für "wertige" Technikgimmicks haben ("Ein echter Handschmeichler"). Also daher weht der Wind: Onanie.

Ich bin gespannt, wie es mit all diesen Männern weitergeht, zum Beispiel wenn sie alt und gebrechlich geworden sind und weder eine Lebenspartnerin noch Kinder sich um sie kümmern. Alte Wracks, die an nichts glauben und nur noch durch Unmengen an Fernsehstunden und Asbach sich über Wasser halten.
 
Anna Bödeker

Zooschlachttiere

Freitag, 25. Februar 2011

Vor einigen Tagen lief im Westdeutschen Rundfunk ein Beitrag über Zootiere: "Geboren, um zu sterben. Vom Umgang mit Zootieren". Leider decken sich etliche Aussagen der Sendung mit eigenen Erfahrungen.

Ich war in den 90er Jahren Tierpatin einer Schnee-Eule im Kölner Zoo. Wir hatten Dauerkarten und waren daher sehr oft bei unserem Vogel – bis er eines Tages spurlos verschwunden war. Nicht nur die Schnee-Eulen, alle Eulenvögel waren entfernt worden. Stattdessen eine Baustelle: Erweiterung des Urwaldhauses. Meine offizielle Anfrage beim Kölner Zoo, wo denn mein Patenvogel geblieben sei, wurde pampig mit dem Hinweis abgeschmettert, ich hätte ja eigentlich nicht einem Einzeltier, sondern eine allgemeine Zoospende gezahlt.

Der Zoo hatte früher in einem kleineren Gehege hinter Glas einen australischen Beutelteufel, es lag zwischen Tiger- und Löwengehege. Auch hier die gleiche Erfahrung: Eines Tages war der Beutelteufel verschwunden. Ich fragte einen Tierpfleger, der grinste mich an und meinte, der werde jetzt hinter den Kulissen gehalten.

Auch im Wuppertaler Zoo, den ich seiner Katzen wegen sehr oft besucht habe, verschwanden ständig Tiere. Ende der 80er Jahre hatten sie einen Karakal, ein Jahr später war das Gehege leer. Eisbären, die im Spätherbst noch munter im vorderen Gehege herumlagen, waren im Spätwinter nirgends zu sehen – und sie blieben weg.

Als ich nach jahrzehntelanger Abstinenz 1987 oder 88 das erste Mal wieder im Zoo war, mit einer Gruppe ausländischer Studenten übrigens, kam ich mir vor wie in einer Freiluftkathedrale. Es lag etwas Feierliches, in sich Ruhendes an diesem Vormittag in dem ganzen Areal.

Je öfter ich jedoch Zoos besuchte, desto mehr verschwand diese Wahrnehmung. Stattdessen waren unaufhörlich lärmende Schulkinder, laut lachende Seniorinnengruppen, ganze Hundertschaften von Familien mit Kindern zu sehen und vor allem zu hören, daß selbst laut rufende Gibbons nicht mehr wahrzunehmen waren. Die Feierlichkeit war dahin, es glich mehr dem Jahrmarkt als dem Gefängnis zahlreicher Lebewesen, die eigentlich lieber woanders leben würden.

An die Mär mit der Arche Noah Zoo glaube ich schon lange nicht mehr. Die nichtmenschlichen Lebewesen sind völlig den Menschen ausgeliefert, die angeblich für sie sorgen: für ihre Mahlzeiten und letztlich auch für ihren Tod. Zu sehen bei Hochwasser (u.a. Zoo Prag) oder Bränden (zuletzt im Zoo Karlsruhe): wenn keine rettende Hand zur Stelle ist, müssen sie sterben.

Die Zoos sind wie die meisten gesellschaftlichen Großorganisationen: Sie reproduzieren sich ständig selbst, um einer großen Zahl Menschen Arbeitsplätze zu verschaffen und diese zu erhalten, vom Tierpfleger bis hin zum Direktor. Die Tiere sind die Opfer. Oder gar das "Material".

Während in der "freien Wildbahn" auch Tiere gewildert werden, die auf der Roten Liste stehen, werden Tiere derselben Art in den Zoos geschlachtet (Sibirische Tiger z.B.). Und vorher kommt ein besinnungs- und ahnungsloses Publikum, das mit seinen Eintrittsgeldern die Einrichtungen am Leben erhält. Das ist, als ob Kälber in der Massentierhaltung tausendfachen Besuch erhielten, bevor sie in den Schlachthäusern und als Wiener Schnitzel auf den Tellern ihrer vormaligen Bewunderer landeten.

Anna Bödeker

Falsche Frage

Mittwoch, 9. Februar 2011

Vor einigen Wochen schrieb ich Valentina Bonterra eine Mail: "Warum sind Sie nach Papua-Neuguinea gefahren und was haben Sie dort gesucht?"

Gestern erhielt ich Ihre Antwort: "Hallo Jasmin, warum so förmlich? Sind wir beim Fernsehen? Bist Du eine professionelle Journalistin? Den Eindruck hatte ich nicht von Dir.

Deine Frage ist falsch gestellt. Ich habe nicht gesucht, ich habe gefunden. Ich bin zu den Stämmen gefahren, weil ich von ihnen gehört hatte. Du kannst nur etwas verstehen, wenn Du nicht vorhast, sie auszuforschen, einen Fragenkatalog abzuarbeiten. Ich habe keinen Universitätsabschluß in Ethnologie, weil ich mich nicht verbiegen lassen wollte. Diese Uni-Leute sind es, die mit fertigen Hypothesen zu den Stämmen fahren und nur das sehen, was sie schon vorher wußten.

Die Wahrheit ist, den Professoren gefielen meine Ansichten nicht. Deshalb haben sie mir keinen Titel gegeben, und nun forsche ich ohne Gelder von Harvard oder UCLA." 

Jasmin Cutter

Unwetter-Katastrophe

Montag, 7. Februar 2011

“Segler ertranken im aufgepeitschten Pazifik.
Tote bei Traditions-Regatta im Süden Australiens. Bei der schlimmsten Unwetterkatastrophe in der Geschichte der Regatta von Sydney nach Hobart sind im sturmgepeitschten Pazifik vor Australien mindestens drei Menschen ums Leben gekommen.” usw. So steht es heute in den Zeitungen.

Es scheint immer wieder dasselbe zu sein: Die Natur hat keine Achtung vor den Errungenschaften der Menschen, die es doch verdient hatten, nach den Anstrengungen diesen Jahres eine Regatta abhalten zu können. Da hat man sich durch die Turbulenzen der Asien- und Rußlandkrise laviert, hat sein Geld geschickt an der Börse positioniert und seine Mitarbeiter davon abgehalten, unverschämterweise höheren Lohn zu fordern. Die neue Yacht ließ sich, da sie als Verkehrsmittel zu Geschäftsterminen, Konferenzorten und Trainingszentrum für die leitenden Angestellten deklariert werden konnte, von der Steuer absetzen.

Mit der Natur ist es ein Kreuz: Wenn im Frühjahr die Flüsse ihr Flußbett erweitern müssen, weil sie soviel Schmelzwasser aus den Gebirgen aufzunehmen haben, heißt es: Hochwasser-Katastrophe, denn da gibt es Ansiedlungen von Menschen in Gebieten, die vom Fluß für solche Fälle gebraucht werden. Nun, das Wasser kann man leider nicht erschießen oder ausrotten. Ebensowenig den Vulkan, dessen Lavastrom ein Dorf nach dem anderen wegreißt.

Seltsam genug jedoch, diese menschliche Lust, sich dort anzusiedeln, die Orte aufzusuchen, wo die “Natur” am ehesten zuschlägt. Wie die Lemminge in der Sage, die sich von den Felsen hinab ins Meer stürzen.

Flüsse, Meere, Stürme, Vulkane interessiert das alles nicht. Wenn die Nordsee über die Ufer tritt, dann ist das so, wie wenn ich mich während des Schlafes von einer Seite auf die andere drehe. Eine Mücke, die zu blöd ist, rechtzeitig wegzufliegen, wird dann zerquetscht. Nebenbei: ich habe noch nie eine Mücke im Schlaf getötet. Ob die intelligenter sind? Überhaupt: es ist erstaunlich, wie Fliegen und Mücken es immer wieder schaffen, einer Hand auszuweichen. Als ahnten sie, was da auf sie zukommt. Oder unterhalten sie sich mit der Hand oder mit meinem Kopf über meine nächsten Schritte? Findet da ein Dialog statt, von dem ich ausgeschlossen bin? Wieder ein Beispiel für die Unverschämtheiten der Natur? Ein offenbar nicht-zivilisierter Rest von mir hintergeht mich regelrecht und arbeitet mit der Gegenseite zusammen.

Jasmin Cutter

Kleine Theorie über das Leben

Sonntag, 6. Februar 2011

Ein weiterer Text der Schriftstellerin:

“Die Kamera machte einen Schwenk, und durch das Bild wurde eine Bahre getragen. Die Wolldecke bedeckte ihn nicht vollständig, so daß etwas wie verfaultes Holz zu sehen war: braun bis dunkelbraun, große Löcher in etwas, das einmal Bein gewesen sein konnte. Ein Fußwerk hing zur Seite, wie die Wurzel eines längst aus der Erde gerissenen Baums.

Die Männer und Frauen erwachten aus einer Art Schlaf. Ihr Raumschiff war mit Lichtgeschwindigkeit bis zur nächsten Galaxie gerast, mitten durch finstere kosmische Areale, ohne Sternenhaufen und Spiralnebel. Sie wirkten frisch und ausgeruht. Der Kommandant gab den Befehl, einen Planeten anzusteuern, auf dem Leben möglich war. Die Navigatorin machte auf ihrem Bildschirm ein Sonnensystem aus, ein Planet zeigte auf den Meßinstrumenten Spuren von Kohlenstoffverbindungen. Alle versammelten sich auf der Kommandobrücke, als ihr Raumschiff in eine Umlaufbahn um den blauen Ball einbog. Am Ende stellte sich jedoch heraus, daß es ihr eigener Heimatplanet war; nur waren fast 200 Jahre seit ihrem Start vergangen.

Menschen werden durch unermeßliche Weiten, in die Vergangenheit oder in die Zukunft geschickt. Apparate, deren theoretische Grundlagen nicht oder allenfalls in nicht-wissenschaftlichen Phantasien existieren, ermöglichen es ihnen, ihre körperliche und geistige Identität ohne Verluste eins zu eins in gewünschte Zielgebiete zu tragen. Während die Konsumenten solcher Science Fiction ableben wie Tiere oder Pflanzen.

Fünf Jahre lag der Mann tot in seiner Wohnung, und die Nachbarin beschwerte sich beim Fernsehteam, daß er in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal die Treppe geputzt hatte. Die Mutter hatte immer die Miete überwiesen, ihr Lebensgefährte regelmäßig den Briefkasten geleert, so daß auch die Telefon- und Stromrechnungen bezahlt werden konnten. Nur Handwerker, die in der Wohnung Modernisierungsarbeiten durchführen wollten, trafen den Mieter nie an und beschwerten sich beim Hausmeister. Trotzdem gingen alle davon aus. daß der Mann noch lebte, trotz des jahraus, jahrein im Fenster blinkenden Weihnachtsbaums. Er war wohl im Ausland oder sonstwo. Wenn vom Mieter Geld eingeht, erklärte der Mann von der Wohnungsgesellschaft, gehen wir davon aus, daß er lebt.

Die Interviewten zeigten keinerlei Betroffenheit oder Anteilnahme, wie es sonst üblich ist, wenn zum Beispiel eine britische Prinzessin verunfallt oder der eigene Ehegatte abgängig ist. Dann fehlt offenbar das Update auf das strahlende Lächeln in der Illustrierten – Besitzer von CD-ROM-Laufwerken können es sich immerhin wieder und wieder ansehen, sogar nachts um halb drei – und das Grummeln und Keifen aus dem Nebenzimmer. Wie schön wäre es, aufzuwachen, aufzustehen, die Zähne zu putzen, zum Bäcker und zum Schlachter zu gehen und nicht feststellen zu müssen, daß die Quizsendung mit dem charmanten Quizmaster, den alle so geliebt haben, eine Aufzeichnung von 1973 ist. Die Technik hat es möglich gemacht, die etwas altersschwache Kopie aufzufrischen; einige Schnitte, ein paar nachgestellte Kamerafahrten und einige Tüfteleien am Silicon Graphics-Rechner haben aus einem verstaubten Fernsehabend frische Abendunterhaltung mit hinreichender Modernität werden lassen.

Menschen können natürlich nicht kompostiert werden, sie werden in Deutschland meistens ins Krematorium eingeliefert und nicht in ein Sägewerk. Am Himmel schweben auch keine Geier und über die Straßen laufen, zumindest noch, keine Hyänen. Geier und Hyänen sind hierzulande allenfalls Metaphern für menschliche Gestalten, deren Lebensziel darin besteht, ihren Zeitgenossen die Lebensmöglichkeiten soweit wie möglich einzuschränken.”

i.A. Jasmin Cutter