Archiv für November 2010

Valentina Bonterra

Donnerstag, 25. November 2010

Vor 14 Jahren besuchte ich einen Trommelworkshop in Arizona, USA und traf dort auf eine mittelgroße Frau mit langen schwarzen Haaren, die sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden hatte – im Stil der Natives, die den Workshop veranstalteten. Bei Einbruch der Dunkelheit saßen wir im Kreis, und ein Apache begann, begleitet von seiner Handtrommel, ein langes Meditionslied zu singen.

Ich schloß die Augen – und öffnete sie wieder. Jedesmal wenn ich sie schloß, sah ich diese Frau in einer weiten Steppe, aber in einer anderen Weltgegend: Es war kalt, eine leichte Schneedecke bedeckte die Graslandschaft. Ein Feuer brannte inmitten einer Ansammlung von Tipis. Die Frau erzählte die Geschichte ihres Stammes und der Erde. Sobald ich die Augen aufmachte, sah und hörte ich den Apachen. Schloß ich sie, war die Frau gerade dabei, die Tiger zu beschreiben, die durch hohes Grasland pirschten.

Am nächsten Morgen wachte ich wie gerädert aus schwerem Traum auf. Ich suchte die Frau, aber sie war verschwunden. “Sie ist schon abgereist”, erzählte man mir.

Erst im Dezember 2001 traf ich sie wieder. Unsere Katze war gerade gestorben, als es an der Tür klingelte. Wir waren von der Beerdigungszeremonie zurückgekehrt und erwarteten niemanden. Ich blickte durch den Spion – und da stand sie: jene Frau, der ich in Arizona begegnet war.

Ich rief meinen Lebenspartner, er sagte, ich solle doch öffnen. Ich zögerte, vielleicht zu lange, denn als ich die Tür entriegelt hatte, war die Frau nicht mehr da. Der Fahrstuhl fuhr Richtung Erdgeschoß, ich drückte auf den Knopf und wollte hinterher. Aber unten angekommen war niemand zu sehen.

Vielleicht habe ich mir in meiner unendlichen Trauer um den Verlust meiner Katze auch nur eingebildet, dass die Frau vor der Wohnungstür stand. Ich habe jenem Apachen von der Trommelsession 1996 eine Email geschickt und ihn gefragt, was das zu bedeuten hatte.

Er schrieb zurück:

Vielleicht war sie deine Katze, ihr Geist. Und die Frau, die du hier damals gesehen hast: ich habe sie auch gesehen, aber sie war nur für einen kurzen Moment da.

Die Angelegenheit wurde allmählich sehr mysteriös. Ich glaubte eigentlich nicht an Geister, selbst an die Götter der allseits geschätzten Hochreligionen nicht. Aber 2004 kam es doch zu einer Begegnung, die die Rätsel auflöste. Ich war in Hamburg auf einer Tagung für zentralasiatische Musik. Auch hier standen Trommeln im Mittelpunkt des Interesses, aber nicht nur. In einer Pause stieß ich fast mit ihr zusammen, als ich mit Brötchen und Kaffeebecher auf dem Weg zu einer Sitzbank in Fensternähe war. Sie trug ihr Haar jetzt offen, lächelte und fragte mich systematisch aus. Über sich selber sprach sie nicht, nur daß sie meistens in der Mongolei, in Kanada und in Papua-Neuguinea weilte.

Als die Pause mit dem üblichen Läuten beendet wurde, überreichte sie mir eine bunte Visitenkarte mit ihrem Namen “Valentina Bonterra” und einer Emailadress – hotmail war es, glaube ich.

Jasmin Cutter