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Kurzes zur Rechtschreibreform

Freitag, 10. August 2012

Heute habe ich mal wieder, auf der Suche nach einer zitierfähigen Internetseite, zum Thema Rechtschreibreform gelesen. Alle Insider wissen, daß dieser Schwachsinn gescheitert ist und für die ?Betroffenen? – in diesem Fall die Schüler ? nichts gebracht hat. Schreibt jemand einen Kurztext, den er aus einem alten Buch auswendiggelernt hat, in der Originalschreibweise, fällt er durch Aufnahmeprüfungen durch, weil obrigkeitshörige Lehrer vor allem Rot verspritzen, wenn nicht treudeutschbrav alles in Neuschrieb verfaßt ist. Wenn einer von denen meine Texte lesen würde, würde er mir das Abi wieder aberkennen.

Bis auf die Seite, auf der auch Ickler sein Rechtschreibtagebuch stehen hat, habe ich nichts gefunden. Mir fehlt vor allem in Kurzfassung eine fundierte Kritik an der Reform. Stattdessen alles verstreut in zig Artikeln, die man schlecht verlinken kann. Wenn die Kritiker heute noch Energie aufwenden gegen die Reform, sollte derlei schleunigst nachgeliefert werden. Vor allem Studenten benötigen sowas vielleicht am ehesten ? in der Schule allerdings sollte man immer Neuschrieb schreiben, sonst ist man verloren.

Dann habe ich ein paar englischsprachige Artikel angelesen. Nach ein paar Absätzen und kurzem Überfliegen habe ich es allerdings aufgegeben, die Texte zu goutieren. Die Herrschaften sind der Meinung, daß die Kritiker an der Reform ?Sprachpuristen? seien, die sich gegen jegliche Veränderung stemmten. Dann folgen heftige Verweise auf die eigenen ?empirischen? Forschungsansätze und daß man es soziologisch angehen läßt. Daß die Reform zu einem gigantischen Orthographiechaos geführt hat, ist den Autoren entgangen.

Viele nehmen das Reformdeutsch einfach hin. Die Rechtschreibung sei eigentlich ohnehin nicht so wichtig für den Sprachgebrauch.

Was ich im englischen Sprachraum nicht gefunden habe ? außer in einem Forum im ?Linguist? – aber die Beiträge sind von 1998! – , sind irgendwelche linguistischen Würdigungen. Das Argument, daß bei der Getrenntschreibung von vielen Komposita Bedeutungen einfach beerdigt werden, kann doch nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Diese Formen in ihrer spezifischen Schreibung sollten die Verständlichkeit erhöhen, jetzt wird ein Ratespielchen draus ? oder man liest drüberweg und spart sich die Gedanken des Verfassers. Ob das dessen Absicht war? Wohl kaum.

Anna Bödeker

Links:
Theodor Ickler: Mein Rechtschreibtagebuch

Sprache Deutsch: Von Orthographien und Reformen

Nachtrag

Ickler macht in “Regelungsgewalt. Hintergründe der Rechtschreibreform” auf das Verschwinden ganzer Wörter aus dem deutschen Lexikon durch die Rechtschreibreform aufmerksam. (Theodor Ickler: Regelungsgewalt. Hintergründe der Rechtschreibreform. St. Goar 2004, S. 71ff.)

Ich habe das einmal am Beispiel des Wortes “fettgedruckt” nachvollzogen, das nach Neuschrieb “fett gedruckt” zu schreiben ist.

Geht man nach dem Grundwort “drücken” bzw. Partizip Perfekt “gedrückt”, dann ist in einem Wörterbuch wie Langenscheidts e-Dictionary kein Eintrag zu finden. Das nach der RSR abgetrennte Bestimmungswort “fett” bietet sich als nächsten Einsprungspunkt an. Und in der Tat: Hier steht plötzlich wieder das “fettgedruckt”, aber dann als “6. DRUCK bold; fett gedruckt bold (face)…, in bold type (oder print)“. Das nennt man «sich in die eigene Tasche lügen».

Zu den Begrifflichkeiten von Kompositionen bei Verben siehe: Ulrich Engel: Deutsche Grammatik. Heidelberg 1988, S. 441f.

Die braven Untertanen in Deutschland schreiben natürlich, wie man den Einträgen in Google entnehmen kann, lieber “fett gedruckt”. Es könnte ja eines frühen Morgens die geheime Rechtschreibpolizei vor der Tür stehen und die Insassen der Wohnung oder den PC-Inhaber verhaften. Google: fett gedruckt: über 2 Mio. Ergebnisse, fettgedruckt: 3470 Ergebnisse. Kaiser Wilhelm hätte seine Freude, und die Staatsratsvorsitzende 2.0 reibt sich die Hände, denn mit solchen Deutschen kann man dann auch mal wieder die Welt erobern.

A.B.

Kleine Theorie über das Leben

Sonntag, 6. Februar 2011

Ein weiterer Text der Schriftstellerin:

“Die Kamera machte einen Schwenk, und durch das Bild wurde eine Bahre getragen. Die Wolldecke bedeckte ihn nicht vollständig, so daß etwas wie verfaultes Holz zu sehen war: braun bis dunkelbraun, große Löcher in etwas, das einmal Bein gewesen sein konnte. Ein Fußwerk hing zur Seite, wie die Wurzel eines längst aus der Erde gerissenen Baums.

Die Männer und Frauen erwachten aus einer Art Schlaf. Ihr Raumschiff war mit Lichtgeschwindigkeit bis zur nächsten Galaxie gerast, mitten durch finstere kosmische Areale, ohne Sternenhaufen und Spiralnebel. Sie wirkten frisch und ausgeruht. Der Kommandant gab den Befehl, einen Planeten anzusteuern, auf dem Leben möglich war. Die Navigatorin machte auf ihrem Bildschirm ein Sonnensystem aus, ein Planet zeigte auf den Meßinstrumenten Spuren von Kohlenstoffverbindungen. Alle versammelten sich auf der Kommandobrücke, als ihr Raumschiff in eine Umlaufbahn um den blauen Ball einbog. Am Ende stellte sich jedoch heraus, daß es ihr eigener Heimatplanet war; nur waren fast 200 Jahre seit ihrem Start vergangen.

Menschen werden durch unermeßliche Weiten, in die Vergangenheit oder in die Zukunft geschickt. Apparate, deren theoretische Grundlagen nicht oder allenfalls in nicht-wissenschaftlichen Phantasien existieren, ermöglichen es ihnen, ihre körperliche und geistige Identität ohne Verluste eins zu eins in gewünschte Zielgebiete zu tragen. Während die Konsumenten solcher Science Fiction ableben wie Tiere oder Pflanzen.

Fünf Jahre lag der Mann tot in seiner Wohnung, und die Nachbarin beschwerte sich beim Fernsehteam, daß er in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal die Treppe geputzt hatte. Die Mutter hatte immer die Miete überwiesen, ihr Lebensgefährte regelmäßig den Briefkasten geleert, so daß auch die Telefon- und Stromrechnungen bezahlt werden konnten. Nur Handwerker, die in der Wohnung Modernisierungsarbeiten durchführen wollten, trafen den Mieter nie an und beschwerten sich beim Hausmeister. Trotzdem gingen alle davon aus. daß der Mann noch lebte, trotz des jahraus, jahrein im Fenster blinkenden Weihnachtsbaums. Er war wohl im Ausland oder sonstwo. Wenn vom Mieter Geld eingeht, erklärte der Mann von der Wohnungsgesellschaft, gehen wir davon aus, daß er lebt.

Die Interviewten zeigten keinerlei Betroffenheit oder Anteilnahme, wie es sonst üblich ist, wenn zum Beispiel eine britische Prinzessin verunfallt oder der eigene Ehegatte abgängig ist. Dann fehlt offenbar das Update auf das strahlende Lächeln in der Illustrierten – Besitzer von CD-ROM-Laufwerken können es sich immerhin wieder und wieder ansehen, sogar nachts um halb drei – und das Grummeln und Keifen aus dem Nebenzimmer. Wie schön wäre es, aufzuwachen, aufzustehen, die Zähne zu putzen, zum Bäcker und zum Schlachter zu gehen und nicht feststellen zu müssen, daß die Quizsendung mit dem charmanten Quizmaster, den alle so geliebt haben, eine Aufzeichnung von 1973 ist. Die Technik hat es möglich gemacht, die etwas altersschwache Kopie aufzufrischen; einige Schnitte, ein paar nachgestellte Kamerafahrten und einige Tüfteleien am Silicon Graphics-Rechner haben aus einem verstaubten Fernsehabend frische Abendunterhaltung mit hinreichender Modernität werden lassen.

Menschen können natürlich nicht kompostiert werden, sie werden in Deutschland meistens ins Krematorium eingeliefert und nicht in ein Sägewerk. Am Himmel schweben auch keine Geier und über die Straßen laufen, zumindest noch, keine Hyänen. Geier und Hyänen sind hierzulande allenfalls Metaphern für menschliche Gestalten, deren Lebensziel darin besteht, ihren Zeitgenossen die Lebensmöglichkeiten soweit wie möglich einzuschränken.”

i.A. Jasmin Cutter

Das Ende einer literarischen Karriere

Samstag, 5. Februar 2011

Im Juli 1998 erhielt ich von einer Bekannten, die früher literarische Texte verfaßt hatte, einen Brief – einen Email-Account hatte sie damals noch nicht.

“Es ist unwichtig geworden. Die Schatten sind nachts nicht zu erkennen. Die Adressaten meiner früheren Gedichte liegen in ihren Betten, schlafen, sehen sich Pornofilme an oder sterben (vor Langeweile?).

Mein gegenwärtiger Job ist: Geldverdienen.
Leider habe ich das nicht gelernt. Andererseits kann ich nicht klagen: ich bin für künftige Arbeitgeber unbezahlbar.

Die Schwestern stehen auf dem Balkon und denken daran hinabzuspringen. Die Söhne wetzen ihre Messer. Die Enkeltöchter treten nackt im Fernsehen auf.

War Literatur jemals anderes als: ich schreibe für 5 Leute? 5 Jahre, nochmal 5 plus 15 Jahre, damit 5 Leute ein- oder zweimal in ihrem Leben meine geronnenen Schmerzen lesen können. Die übrigen Leser, die meinen Gedichtband zufällig öffnen, zucken die Schultern: sie ist zu bemüht. Es fehlen die Wortspiele, die deutlich machen, daß in unserer Zeit Poesie ganz und gar unernst ist. Wer will denn heute noch die Welt verändern?! Das Leben ist leicht, beliebig und so schnell vergessen wie die Fernsehsendung am drittletzten Samstag vor Ostern letztes Jahr (oder war das schon 1989?).

Bevor es ans Sterben geht, ziehen sie sich auf Inseln zurück, Sonneninseln in einem riesigen Meer. Kahle Landschaften umsäumen den Weg zum Tod. Das üppige Grün der Heimat interessiert nicht mehr, das Grün, das aus den Regen geboren wird, aus den Tausenden von Leibern, die den Himmel von Nordwest nach Nordost überqueren. Und einen Bogen machen zu mir, dir und zu dir. Eine Karawane von Todgeweihen steigt in die Flugzeuge und verläßt die Nebellandschaft, die Sturmnächte. Wir hören den ganzen Morgen und den ganzen Tag über die Gesänge der Vögel und Katzen.”

i.A. Jasmin Cutter