Archiv für die Kategorie „Natives“

Entwurzelte Götter

Freitag, 30. September 2011

Die Tage vergehen, der September erlebt gerade noch einen Hochsommer und trägt ein Kind: die verpuppte Larve des Winters. Der Oktober liegt im Bett, er hat eine leichte Entzündung im rechten Gehörgang. Der November kann ihn nicht ersetzen: seit vorletzter Woche, nach einem Zusammenstoß mit einer Regierungsmaschine aus Paris, liegt er mit gebrochenen Armen und Beinen im Krankenhaus.

Bleibt der Dezember, der allerdings seinen Urlaub bis zum 30.11. auf den Bahamas verbringt. Ein Ersatzdezember ist im Norden von Kanada verschollen, es heißt, Ölsandschürfer hätten ihn hinterrücks erstochen, weil sie fürchteten, er könne ihre Untaten an die Medien verraten. Und einen Ersatzoktober hat die Römisch-katholische Kirche nicht vorgesehen. Selbst der Papst kann keinen aus der Mitra zaubern. Vielleicht legen die Arbeitgeberverbände einmal zusammen und importieren einen Oktober aus Griechenland. Der kocht denen dann jeden Tag Gyros und tanzt ihnen den Sirtaki.

Es heißt übrigens, daß jeden Monat ein Gott auf die Erde hinab- oder heraufsteigt und nach dem Rechten sieht.

Daß das unmöglich ist, weiß jeder gläubige Christ und noch mehr jeder Atheist. Wußten Sie übrigens, daß die meisten nominellen Christen praktizierende Atheisten sind. Sie kennen keine Scheu und haben keine Angst vor ihren eigenen Missetaten. Und vor diesen Dämonen fürchten sie sich: Jobverlust, schwere (= ruinöse) Krankheiten, Zusammenbruch der Wirtschaft incl. Banken- und Börsenkrach. Über Nacht sind sie arm geworden und werden aus ihren Quartieren vertrieben – vom Mob (= das Volk).

Aber die Götter und Geister sind nicht verschwunden, geneigte Leserin, geneigter Leser. Verschwunden sind nur fast alle, die sie einst verehrten und respektierten und so erreichten, daß es Menschen gab.

i.A. Jasmin Cutter (nach Valentina Bonterra)

Schamanen in Europa

Samstag, 19. März 2011

Wenn man bei der Heiligen Tante Google den Begriff “Schamane” – also nicht die englischsprachige Variante “shaman” – eingibt, purzeln einem die Einträge entgegen. Weit über eine Million Seiten soll es zu diesem Thema geben, angefangen vom unvermeidlichen Wikipedia-Eintrag:

“Schamanismus und Schamanen haben schon früh das Interesse jener Forscher erregt, die sich mit Ethnologie, Religion und Religionsgeschichte beschäftigten, vor allem da Schamanen in vielen Naturreligionen die Fähigkeit zugeschrieben wird, in Bewusstseinszuständen wie der Ekstase in jenseitige Welten vorzudringen, indem sie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit überschreiten.” Zitatende. Es folgen, wenn man sie ausdruckt, ich mache mir in der Regel ein PDF, 120 Seiten. Für einen Lexikoneintrag ziemlich voluminös.

Wenn man sich da durchgewühlt hat, wundert man sich, ich jedenfalls, aber vielleicht ist es meine angeborene Naivität, daß Europäer daherkommen, die weder illegal eingebürgert noch eingeschleppt worden sind aus Herkunftsländern wie Papua-Neuguinea, Kanada oder Peru, und behaupten, sie seien Schamanen oder gar Schamanen-Lehrer.

“Ich habe im Schamanismus, in der Schamanischen Heilung, in der Geistheilung und in der Tierkommunikation meine Berufung gefunden”, schreibt da jemand. Auf einer anderen Seite heißt es: “Da wir in einer nüchternen, verstandesgeprägten Kultur leben, können wir nicht einfach den Schamanismus in den Traditionen indigener Völker voll übernehmen.”

Da hat jemand den Wunsch, eigentlich auch “in den Traditionen indigener Völker” ein Schamane zu sein. Aber anstatt sich an zumindest e i n e Tradition heranzuarbeiten, wird das gemacht, was Europäer (in Europa, aber auch in Amerika, Afrika, Australien usw.) gern machen: sie klauben sich das zusammen, wovon sie meinen, daß es zu ihnen paßt oder ihnen gefällt. Ein Verfahren, das man gemeinhin als “Eklektizismus” bezeichnet: “Als Eklektizismus (…) bezeichnet man Methoden, die sich verschiedener entwickelter und abgeschlossener Systeme (z.B. Stile, Philosophien) bedienen und deren Elemente neu zusammensetzen.” (Wikipedia).

Die indigenen Völker, von den kolonialistischen/globalisierenden Europäern, wenn nicht per “ethnischer Säuberung” vernichtet, so doch ausgeplündert, unterdrückt, zwangsassimiliert – z.B. indem man den Erwachsenen die Kinder wegnahm und wegnimmt und sie in weiße Familien steckt, quasi als privatisierte Umerziehungslager. Wo sie dann weiße Religion, Kultur und andere “Wohltaten” bis zum geistigen oder gar physischen Ableben eingetrichtert bekommen. Diese Völker werden von der Eso-Szene ein weiteres Mal ausgebeutet, indem man ihre Spiritualität/Religion bis zur Unkenntlichkeit verhunzt. Man bemüht sich erst gar nicht mehr um soetwas wie ein Verständnis, das wäre ja viel zu mühselig. Man bricht ein paar Versatzstücke aus ihrem Zusammenhang und verbaut sie in die vertrauten Strukturen, um sie etwas aufzufrischen, nachdem das christliche Erbe alleine doch vielen schon zu eintönig, langweilig, gar muffig geworden ist.

Aber es ist wie eine aus dem Urlaub aus Thailand mitgebrachte Buddhastatue in die gute Stube einer christlich-abendländischen Familie zu stellen. Die Statue alleine kann leider nichts daran ändern, daß es nichts weiter als die gute Stube einer christlich-abendländischen Familie ist.

Vermutlich wissen die selbsternannten weißen “Schamanen” gar nicht, was Geister sind und wie es ist, mit diesen “in Kontakt zu treten”. Wahrscheinlich würden sie sogar die Existenz von Geistern bestreiten, schließlich paßt dergleichen nicht ins Weltbild eines Europäers des 21. Jahrhunderts.

Anm.: Oft liest man auch, Schamanen *behaupteten*, sich in der Geisterwelt bewegen zu können o.dgl. Nun ja, katholische Priester *behaupten* ja auch, sie könnten Gebäck in Fleisch verwandeln…

Jasmin Cutter

Valentina Bonterra

Donnerstag, 25. November 2010

Vor 14 Jahren besuchte ich einen Trommelworkshop in Arizona, USA und traf dort auf eine mittelgroße Frau mit langen schwarzen Haaren, die sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden hatte – im Stil der Natives, die den Workshop veranstalteten. Bei Einbruch der Dunkelheit saßen wir im Kreis, und ein Apache begann, begleitet von seiner Handtrommel, ein langes Meditionslied zu singen.

Ich schloß die Augen – und öffnete sie wieder. Jedesmal wenn ich sie schloß, sah ich diese Frau in einer weiten Steppe, aber in einer anderen Weltgegend: Es war kalt, eine leichte Schneedecke bedeckte die Graslandschaft. Ein Feuer brannte inmitten einer Ansammlung von Tipis. Die Frau erzählte die Geschichte ihres Stammes und der Erde. Sobald ich die Augen aufmachte, sah und hörte ich den Apachen. Schloß ich sie, war die Frau gerade dabei, die Tiger zu beschreiben, die durch hohes Grasland pirschten.

Am nächsten Morgen wachte ich wie gerädert aus schwerem Traum auf. Ich suchte die Frau, aber sie war verschwunden. “Sie ist schon abgereist”, erzählte man mir.

Erst im Dezember 2001 traf ich sie wieder. Unsere Katze war gerade gestorben, als es an der Tür klingelte. Wir waren von der Beerdigungszeremonie zurückgekehrt und erwarteten niemanden. Ich blickte durch den Spion – und da stand sie: jene Frau, der ich in Arizona begegnet war.

Ich rief meinen Lebenspartner, er sagte, ich solle doch öffnen. Ich zögerte, vielleicht zu lange, denn als ich die Tür entriegelt hatte, war die Frau nicht mehr da. Der Fahrstuhl fuhr Richtung Erdgeschoß, ich drückte auf den Knopf und wollte hinterher. Aber unten angekommen war niemand zu sehen.

Vielleicht habe ich mir in meiner unendlichen Trauer um den Verlust meiner Katze auch nur eingebildet, dass die Frau vor der Wohnungstür stand. Ich habe jenem Apachen von der Trommelsession 1996 eine Email geschickt und ihn gefragt, was das zu bedeuten hatte.

Er schrieb zurück:

Vielleicht war sie deine Katze, ihr Geist. Und die Frau, die du hier damals gesehen hast: ich habe sie auch gesehen, aber sie war nur für einen kurzen Moment da.

Die Angelegenheit wurde allmählich sehr mysteriös. Ich glaubte eigentlich nicht an Geister, selbst an die Götter der allseits geschätzten Hochreligionen nicht. Aber 2004 kam es doch zu einer Begegnung, die die Rätsel auflöste. Ich war in Hamburg auf einer Tagung für zentralasiatische Musik. Auch hier standen Trommeln im Mittelpunkt des Interesses, aber nicht nur. In einer Pause stieß ich fast mit ihr zusammen, als ich mit Brötchen und Kaffeebecher auf dem Weg zu einer Sitzbank in Fensternähe war. Sie trug ihr Haar jetzt offen, lächelte und fragte mich systematisch aus. Über sich selber sprach sie nicht, nur daß sie meistens in der Mongolei, in Kanada und in Papua-Neuguinea weilte.

Als die Pause mit dem üblichen Läuten beendet wurde, überreichte sie mir eine bunte Visitenkarte mit ihrem Namen “Valentina Bonterra” und einer Emailadress – hotmail war es, glaube ich.

Jasmin Cutter